GRUPPENZWANG

Dieses Modewort wird zur Zeit oft im Zusammenhang mit dem "Komasaufen" Jugendlicher gebraucht. Der Gruppenzwang ist aber wohl ein ganz ursprüngliches natürliches Phänomen, wie ich es kürzlich bei einem Trainingsflug meiner Tippler beobachten konnte.

Meine 5 Tippler flogen an diesem Tag schon ca. 3 Stunden als sie vom Wanderfalken angegriffen wurden. Sie kannten ihn schon von früheren Besuchen her und wichen ihm recht elegant aus. Dieses Mal war er sehr hartnäckig und griff sie mehrmals an, bis sie sich alle versteckten. Solche Aktionen habe ich schon oft bei ihm beobachtet, und ich habe da immer den Eindruck, dass er meine Tippler einfach aus lauter Langeweile vertreibt. Nach meiner Erfahrung geht es nach einem solchen Angriff meistens 30 bis 45 Minuten bis die erste Taube wieder fliegt. Also suchte ich nach ca. 40 Minuten den Himmel nach den Tipplern ab, aber zu meiner Überraschung flogen 6 Tauben und landeten auf meinem Dach. Mir fiel auf, dass 5 Tauben größer waren als meine Tippler und sie waren schwarz und gehämmert und nicht blau mit schwarzen Binden wie alle meine Tippler. Ich holte das Fernglas, und nun sah ich, dass auch nur eine Taube beringt war, und die war ein Tippler von mir, während die anderen 5 Straßentauben aus der benachbarten Stadt waren. Vor 2 Tagen wurden auf dem Acker neben unserem Haus Erbsen angesät, und schon nach einem Tag hatten die Straßentauben das entdeckt. Nun staunte ich nicht schlecht, als alle 6 Tauben auf den Acker flogen und nach Futter pickten, mein Tippler mittendrin.
Es war eine zweijährige Täubin, die schon ca. 80 Flüge hinter sich hatte. Sie war eine sehr zuverlässige Taube, landete immer korrekt und kam auch immer gleich in den Flugschlag.
Und nun spazierte sie mit den Straßentauben auf dem Acker umher! Sie war bisher noch nie auf dem Boden gelandet. Da meine Tippler immer aus dem 8. Stockwerk fliegen, müssen sie auch nie tiefer als ca. 30 m fliegen. Wenn ich dies nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich würde es nicht glauben. Beim Beobachten durch das Fernglas fiel mir auf, dass sie nicht so zielsicher pickte wie die Straßentauben. Ich hatte den Eindruck, dass sie es nur so pro forma machte. Ein Täuber begann um sie zu werben. Dann kamen noch 2 Rabenkrähen laut krächzend dazu, und die Tauben flogen auf, um nach einigen Metern wieder zu landen. Meine Täubin fiel in der Gruppe überhaupt nicht auf.
Jetzt kam ein Hund bellend auf die Tauben zu und verjagte sie vom Acker. Sie flogen einige Runden über dem Feld und verschwanden Richtung Stadt. Inzwischen flogen auch meine 4 anderen Tippler wieder. Nach ca. 30 Minuten kam wieder ein Schwarm von etwa 10 Straßentauben und landeten ebenfalls auf dem Erbsenacker, und meine Täubin war immer noch dabei. Dieses Mal blieben sie lange auf dem Acker, und mehrere Täuber machten meiner Täubin den Hof. Ganz plötzlich flogen alle Tauben weg.
Nun war ich gespannt, ob meine Täubin wieder zurückkommen würde. Um ca. 20 Uhr schaute ich nach den Tipplern, und alle 5 flogen ihre Runden als wäre nichts passiert. Nach einer Stunde dropperte ich sie, sie kamen in den Flugschlag wie immer. Eine Taube hatte ganz schmutzige Zehen: das war das einzige, was an den "Seitensprung" erinnerte. Bei den folgenden Flügen war sie wieder die "Brave", und die Erbsen auf dem Acker begannen zu wachsen und waren so für die Straßentauben uninteressant geworden.

Als ich diese Geschichte beim Essen erzählte, kommentierte meine Enkelin (10 Jahre alt): typisch Gruppenzwang!

Walter Stettler Binningen www.flugtippler.ch

                                     

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