Taubenhaltung von den alten Ägyptern bis ins 21. Jhd

Im nachfolgenden Bericht werde ich einige Taubenhaltungen der letzten 3000 Jahre durchstreifen. Es würde natürlich den Rahmen dieses Berichtes sprengen, wenn ich auf alle Details eingehen würde. So werde ich nur auf vier Kulturen näher eingehen. Zuerst die alten Ägypter im ca.2. Jhd. v. Chr. ,dann die Römer von 40 v. Chr. - 3. Jhd.n. Chr. und die Perser (Iran) im10-19 Jh.n.Chr. Zum Abschluss dann noch die heutige Taubenhaltung in Mitteleuropa.

Taubenhaus KaranisMini-Taubenschlag für Flugtauben
  

Bei den alten Ägyptern
In ihrer Kultur stand das Tier im Mittelpunkt. Dabei darf man nicht vergessen ,dass Ägypten damals eine Weltmacht war. Schon vor 7000 Jahren vor den ersten großen Pharaonen (die bekannt wurden durch den Bau der Pyramiden) waren Tiere ein wichtiger Bestandteil ihrer Kultur. In dieser Zeit spielten die Tauben keine große Rolle. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden zu dieser Zeit Felsentauben als eine Art Zootiere gehalten.

Auf Papyrussrollen aus dem 2 Jh. v. Chr. wird die Taubenhaltung beschrieben. Die Tauben wurden hauptsächlich für den Verzehr, als Opfertiere oder als Mistproduzenten gehalten. Die ,,Fleischtauben" wurden hauptsächlich von Privatpersonen gezüchtet. Die Taubenschläge befanden sich meistens auf den Flachdächern der Wohnhäuser. Sie wurden aus sonnengetrockneten Lehmziegeln gebaut. Sie waren meistens nicht höher als 3 m. Dann gab es die Taubentürme für die Mistproduktion (Dünger). Das waren dann schon grössere Bauten. In der Oase ,,Faijum" soll es staatliche Taubentürme gegeben haben die, bis zu 5`000 Tauben beherbergten.

In den Jahren 1924 - 1935 wurde die Ruinenstätte Karanis (ca.2. Jh. v.Chr. erbaut) von einem Team der Universität Michigan (USA) ausgegraben. In diesem Gebiet gab es mehrere Taubentürme. Von einem sind sehr genaue Angaben bekannt: Der Grundriss war quadratisch (ca. 4,5 qm), also ein kleiner Turm. Ich gehe davon aus, dass in diesem Turm Tauben für den Verzehr oder zum Opfern gezüchtet wurden. An der Innenseite der Außenmauer wurden in regelmäßigen Abständen und mehreren Reihen übereinander bis zum Dach die sogenannten Nisttöpfe eingebaut. Diese Töpfe wurden speziell für die Taubenzucht hergestellt. Sie waren 45 cm tief bei einem Durchmesser von 25 cm und einem Öffnungsmass von ca. 15 cm. Unterhalb der Nisttöpfe gab es 2-3 Reihen mit rechteckigen Nischen, 20 cm tief mit einer quadratischen Öffnung von 15 cm. Ich gehe davon aus, dass bei dieser Haltung immer wieder Jungtauben aus den Töpfen (Nestern) fielen. Für die Betreuer war es wahrscheinlich nicht möglich sie wieder in ihre Nester zu legen, bei dieser grossen Anzahl von Nestern. So wurden sie vielleicht von den Menschen großgezogen. Für die Aufzucht könnten sie vielleicht die rechteckigen Nischen benutzt haben. Die Einfluglöcher waren meistens etwas unter dem Dach. Entweder waren es einfache offene Röhren, oder es wurden aus Ziegelsteinen Dreiecklöcher gebildet. Unter den Einfluglöchern wurden Äste eingebaut, die als Sitz - stangen dienten. Die Türen waren ca. 3 m über dem Boden. Ob Taubenmist oder Jungtauben, beides war bei der damaligen Menschen begehrt. So mussten sich die Eigentümer der Taubentürme gegen Diebe schützen. Es wurden auch oft bei den Kotplätzen Matten auf den Boden ausgelegt; so konnten sie die Matten zusammenbinden und ein Sack war voll mit Taubendung (clever !). Es wurden keine Futtergefässe und Wassergefässe bei den Ausgrabungen gefunden. Wahrscheinlich mussten die Tauben das Futter selber auf den Feldern suchen.

Taubenhaltung bei den Römern
Heute wissen wir sehr viel über die Taubenhaltung und - zucht bei den Römern durch die Landwirtschaftsschriftsteller. Varro (um 37 v.Chr.) Columella (1.Jh. n. Chr.). Die Römer hielten die Tauben nicht nur als, Dünger- Fabrik", sondern hauptsächlich als Fleischlieferant. Sie kopierten die Taubenhaltung von den Griechen. Im Verlauf der Zeit spezialisierten sich die Römer auf die Taubenfleischwirtschaft.

Die Römer kannten damals bereits 4 Taubenrassen: Feldtauben, Haustauben, Wirtschaftstauben und Botentauben (die heutigen Brieftauben) kamen auch zum Einsatz. Das vor mehr als 2000 Jahren. Die Wirtschaftstauben wurden in grossen Taubentürmen mit bis zu 5000 Tauben gehalten. Für die Römer war es wichtig, dass die Jungtauben möglichst fett waren. Verschiedene Massnahmen wurden angewendet, damit die Jungtauben das Nest nicht verlassen konnten. Es wurden ihnen die Beine zusammengebunden oder die Beine gebrochen (auf andere grausame Methoden will ich nicht eingehen!). So wurden die Nestlinge länger von den Alttauben gefüttert. Die Römer waren begeisterte Taubenzüchter. Sie führten bereits Zuchtbücher und beschäftigten sich wissenschaftlich mit den Tauben. Nach ihren Beobachtungen soll aus dem ersten Ei immer ein Männchen schlüpfen und aus dem zweiten Ei immer ein Weibchen. Ein gutes Taubenpaar hatte im Jahr 10 Gelege. Der Preis für ein solches Paar war damals (Anfang 3.Jh.n.Chr.) 200 - 1000 Sesterzen, umgerechnet 40 - 200 sFr. Zum Vergleich kostete in derselben Zeit ein Huhn ca. 50 Sesterzen = 10 sFr. Die Taubenzucht war also ein lukratives Geschäft. Die wertvollsten Tauben waren damals die weißen Haustauben. Sie kamen aus Sizilien nach Rom und waren so wertvoll, dass sie immer in den Wohnungen gehalten wurden, damit sie unter Kontrolle waren.
Die Römer kannten verschiedene Taubenhaltungen. In ländlichen Gebieten wurden sie im Freiflug gehalten und suchten ihr Futter selber. Nur in den Wintermonaten wurden sie von den Besitzern gefüttert. In der Umgebung von Rom konnten sie die Tauben nicht im Freiflug halten, weil überall Leimruten von den Vogelfängern ausgelegt waren. So wurden sie immer in den Schlägen gehalten. Das war denn auch eine industrielle Haltung, bei der Wasser und Futter durch ein Röhrensystem in die Schläge geleitet wurden (ähnlich wie in den heutigen Hühnerbatterien). Dann gab es noch eine dritte Art von Haltung. Die Tauben konnten in den Freiflug, wurden aber im Taubenschlag gefüttert. Das Futter bestand hauptsächlich aus verschiedenen Hülsenfrüchten. Wenn die Tauben mehr Eier legen sollten (auch im Winter) wurde ihnen geröstete Gerste mit Saubohnen, Wicken und viel Linsen gefüttert. Das Futter wurde aus hygienischen Gründen immer an den Wänden verteilt. Die Wassernäpfe waren so konstruiert, dass die Taube nur mit dem Kopf in den Napf gelangen konnte (so wie heute noch). Die Botentaubenflüge wurden hauptsächlich von Privatpersonen betrieben. Das Militär hatte damals noch kein Interesse. Da es zu der Zeit viele Raubvögel gab, war der Verlust an Botentauben groß und somit für das Militär uninteressant.
Dank den Römern haben wir nördlich der Alpen auch Haustauben. Bei der Ausgrabung einer römischen Militärküche in Zurzach (CH) wurde das Skelett einer Haustaube (Columba livia) gefunden. Es stammt aus den Jahren 10-35 n. Chr.
Nun noch zu der Unterbringung der Tauben. Sie wurden in den oberen Bereichen der Gebäude gehalten. Es gab auch Taubentürme, die aus Stein gebaut waren. Die Wände innen und außen sowie die Nistzellen waren mit Marmorzement verputzt, (an den Aussenwände, um Schlangen und andere Taubenfeinde fernzuhalten). Die Türme hatten auf allen Seiten teils große Öffnungen, damit Sonne und frische Luft hineingelangen konnten. Waren die Tauben im Freiflug, so wurden Netze vor die Öffnungen gehängt, damit die Raubvögel nicht eindringen konnten, aber die Tauben durch die Maschen ins Freie und wieder in den Schlag zurückgelangen konnten. Ein Satz zum Unterhalt der Schläge von Varro: ,, Je gepflegter der Stall ist, um so gesünder die Tauben !"

Taubenhaltung bei den Persern (Iran)
Die Taubenhaltung der Perser konzentrierte sich hauptsächlich auf die Provinz Isfahan. Die Fläche der Provinz ist 107`029 Quadratkilometer, damit ist sie 2 ½ mal so gross wie die Schweiz. Die Taubenhaltung hatte nur einen Zweck und zwar soviel Mist wie möglich zu produzieren. Da der Boden nicht sehr fruchtbar war, mussten sich die Landwirte etwas einfallen lassen um die Produktion zu steigern. Im 17 Jh.n.Chr. soll es in der Provinz Isfahan mehr als 3000 der eindrucksvollen Taubentürme gegeben haben. Diese Taubentürme waren gigantisch. Einige Zahlen dazu: der Durchmesser betrug 12 -16 m, die Mauerdicke 1,2- 2,4 m, die Höhe 9.5 - 20 m (was einem 8 stöckigen Gebäude entspricht). In der Mitte der Türme gab es fast immer einen runden Schacht, um den Taubenkot nach unten zu befördern. Auf der Innenseite der Außenmauer gab es oft Treppen, um auf die oberen Böden zu kommen. Die Eingangstüren waren bei den meisten Türme ebenerdig. So war der Abtransport des Taubendungs am einfachsten. Die Türen waren massif gebaut und fest verschlossen. Teilweise wurden sie auch bis zur nächsten Reinigung zu gemauert. Das deutet darauf hin,dass damals auch eingebrochen wurde,um an den wertvollen Taubenmist zu gelangen. Selten war der Eingang in der oberen Hälfte. Um dann in den Turm zu gelangen, benötigte man eine lange Leiter oder ein anderes Klettergerüst. Die Türme waren gegen oben verjüngt. Den Abschluss bildete ein ausladendes Gesimse. So war es für Schlangen und andere Räuber unmöglich, in die Lehmbauten zu gelangen. Dass damals viele dieser Tiere versuchten in die Türme zu gelangen, wird dadurch deutlich, dass alle Türme außen in mittlerenr Höhe einen glatten Verputzstreifen hatten. Die Einflugtürme bildeten den oberen Abschluss der Türme. Sie bestanden aus einer runden durchbrochenen Ziegelsteinkonstruktion. Das einzige Licht kam durch die Einfluglöcher, somit war es düster in dem Turm. Es wäre noch interessant zu wissen welches Klima in den Türmen herrschte. Ich kann mir vorstellen, dass es für die Tauben nicht immer ganz einfach war ihre Brutzellen zu finden. Es sollen über 14`000 Tauben in diesen Türmen gehaust haben. Die Tauben mussten sich selbständig auf den Feldern ernähren. Die Nischen waren dicht aneinandergereiht in der Mauer. Sie waren ca. 20 cm breit, 40 -50 cm hoch und 30-35 cm tief. Mir ist nicht klar, wieso die Nischen so hoch waren. Die Taubentürme waren nur in der Provinz Isfahan in dieser Form bekannt. Die Taubentürme waren in der persischen Architektur ein wichtiger Bestandteil. Als Voraussetzung musste der Architekt ein spezielles Wissen über Resonanz haben, damit die Taubentürme nicht einbrachen wenn gleichzeitig mehrere tausend Tauben aufflogen. Um diese Kräfte zu neutralisieren, wurden vertikale Balken in die Mauern mit eingebaut. In den Jahren 1869- 1870 waren in Persien Missernten mit nachfolgender Hungersnot. Das hatte zur Folge, dass eine systematische Vernichtung der Tauben stattfand und die Taubentürme aufgegeben wurden. Die meisten Taubentürme sind heute entweder Ruinen oder ganz verfallen. Da sie aus ungebrannten Lehmziegeln gebaut wurden, ist der Verfall vorprogrammiert.

Westturm von Hazar Jarib Plan des Hazar-Jarib-Turm, der wahrscheinlich von der Herrschaftszeit von Scha Abbas stammt.
  

Taubenhaltung im 21. Jhd.
Die heutige Taubenhaltung ist verglichen mit den früheren Kulturen nur noch ein kleiner Rest. Die größte Taubengruppe in Mitteleuropa ist heute die der Strassentauben. Von der Stadtbevölkerung werden sie gehasst und geliebt. Aber eine vitale Rasse sind sie seit Jahrhunderten geblieben. Wenn man bedenkt, was die Menschen seit Jahrzehnten alles unternommen haben um sie aus den Städten zu verbannen; und sie sind immer noch da !
Bei den Zuchttauben sind die Schönheitstauben die grösste Gruppe. Dann folgen die Brieftauben und zuletzt noch die Flugtauben. Die Taubenhaltung hat in den letzten 60 Jahren in Mitteleuropa große Veränderungen erlebt. In der Mitte des letzten Jahrhunderts wurden fast alle Tauben noch im Freiflug gehalten. Das war eine artgerechte Haltung ! Die Tauben gingen auf die Felder und Äcker und suchten sich das Futter, Mineralien,Vitamine und tierisches Eiweiß selbst. Dann setzten die Landwirte im Kulturland immer mehr Kunstdünger und Pestizide ein. Viele Tauben kamen dann krank von den Feldern nach Hause. Mein Vater sagte immer, auf den Feldern ist die Apotheke der Tauben. Das stimmte nicht mehr, es war eher das Gegenteil. So wurden die Tauben in Schlägen und Volieren festgehalten. Um das Jahr 1970 wurde von verschiedenen Schutzorganisationen das Auswildern von Wanderfalken und Habichten massiv vorangetrieben und bis heute ist die Auswilderung leider noch nicht abgeschlossen. Diese unnatürlich großen Raubvogel- Populationen haben dazu geführt, dass mancher Taubensportler das schöne Hobby an den berühmten Nagel gehängt hat. Wenn die Tauben nur noch Raubvogelfutter sind, wird diesen Schritt noch mancher Taubensportler machen (ich habe selber Flugtauben, ich weiss, wovon ich schreibe). Auch die Unterbringung hat sich geändert. Die meisten Tauben sind heute in Gartenschlägen untergebracht. Die Automatisierung hat auch im Taubenschlag Einzug gehalten. So gibt es Einrichtungen, die per Knopfdruck die Zellen ausmisten, und auch die Fütterung kann automatisch gesteuert werden. Nachdem die Tauben nicht mehr im Freiflug gehalten werden, ist die Auswahl an Futter, Mineralien und Zusatzprodukten massiv angestiegen. Heute hat der Taubenzüchter eine enorme Auswahl an Produkten für seine Tauben. Die Strassentauben sind somit noch die einzigen Haustauben, die so leben wie ihre Vorfahren vor über 2000 Jahren.

Schlusswort

Beim Schreiben dieses Berichtes habe ich mir oft die Frage gestellt, wie haben die Tauben in den grossen Taubentürmen mit mehreren tausend Tauben ihre Nistzellen gefunden ? In den Taubentürmen war es ja düster. Das Innere eines solchen Turmes war monoton, wenn man sich vorstellt, dass ca. alle 30 cm neben - ,über - und untereinander eine Nistnische war. Nach meiner Ansicht war es für die Tauben äußerst schwierig, die richtige Nische zu finden. Ich behaupte, dass diese Tauben ein äußerst feines Orientierungsvermögen hatten. Und zwar nicht nur um ihren Schlag zu finden, sondern auch im Turm den richtigen Platz. Weiter behaupte ich, dass die heutigen Tauben (Rassetauben wie Strassentauben) nicht mehr in der Lage wären sich in den Türmen zurechtzufinden. Meine Behauptung stützt sich auf folgende Beobachtung: Ich betreue seit über 20 Jahren in der Stadt Basel mehrere Strassentaubenschläge. In den Schlägen gibt es Nistkästen, die aus 4 Abteilen bestehen. Die Kästen sind so verteilt, dass die Tauben in den Abteilen keinen Sichtkontakt zueinander haben. Im Jahr 2000 wurde ein neuer Schlag gebaut (10 m mal 4 m). Dort plante ich auf einer Seite 2 Reihen Nistzellen übereinander (nach dem Vorbild der Taubentürme mit 54 Nistzellen). Zwischen den Zellen gibt es 20 cm Sichtschutz. An die Sichtschütze habe ich verschiedene Zeichen gemalt, um den Tauben das Auffinden ihrer Zelle zu erleichtern. Nach 9 Jahren Betrieb muss ich sagen, dass diese Anordnung der Nistzellen für die Tauben nicht geeignet ist. 40 % der Nester werden am Boden gebaut. Oft findet man in mehreren Zellen Nistmaterial von einem Paar. Lege ich das Nistmaterial in eine der Zellen, dann brüten sie dort. Das zeigt, dass sie Probleme mit dem Auffinden ihrer Nistzellen haben. Bei den anderen Schlägen kenne ich dieses Problem nicht. Wie haben die Tauben ihren Nistplatz in den großen Taubentürmen gefunden?? Dort gab es ja teilweise mehr als 1000 Nistplätze.

Abschliessend kann ich allen, die an Tauben und ihre Unterbringung Interesse haben, folgende Bücher empfehlen:

,,Die Taube" von Prof. Dr. D. Haag- Wackernagel ISBN 3-7965-1016-7

,,Taubenhäuser" von Wolfram Kleiss u. Liselotte Soltani ISBN 978-3-496-02791-1

Walter Stettler CH Binningen www.flugtippler.ch

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