Des Guten zu viel ?

Bei jedem Wettkampf versuchen die Sportler ihr Maximum herauszuholen.
Dass man da zu leistungssteigernden Mitteln greift, finde ich ganz normal,
das war schon seit jeher so. Das heißt nicht, dass ich Doping gut finde,
aber es gibt auch ganz natürliche leistungssteigernde Substanzen, und
die finde ich in Ordnung.

Nun gehen wir von den Sportlern zu den Tipplern und ihren Wettflügen.
Sind wir doch ehrlich: alle, die an den Wettflügen teilnehmen, hoffen,
dass ihre Tauben möglichst lange fliegen. So ist es auch ganz normal,
dass man vor einem Wettflug seine Tippler aufbaut, also ihnen
leistungsförderndes Futter und natürliche und legale Substanzen
gibt wie zum Beispiel Traubenzucker, Hefe, ölhaltige Körner
oder Kapseln mit Erdnusskeimlingsöl. Als ich mit einem Brieftaubenzüchter
über die Vorbereitung meiner Tippler sprach, meinte er: "Gib ihnen
vor dem Wettflug viel Hanf und die werden an dem Wettflugtag
nicht mehr landen". Und lachte!

Der nächste Wettflug war am 14.8.2010, und da wollte ich mit drei
flugwilligen Tipplern starten. Es waren drei zuverlässige Tauben,
die auch schon einige Male dem WF entwischten. Sieben Tage vor
dem Wettflug begann ich mit dem Aufbau der drei Jungtauben. Unter
das Aufbaufutter mischte ich reichlich Hanf und in den letzten Tagen
vor dem Wettflug gab ich hauptsächlich Hanf.

Am Wettflugtag startete ich um 6 Uhr das Dreierteam. Es war zwar
noch ein wenig düster, aber das Team flog schön geschlossen in den
Tag hinein. Nach 10 Uhr begannen sie immer größere Schlaufen zu
fliegen, so dass ich sie teilweise 15 bis 20 Minuten lang nicht mehr sah.
Auch flogen sie höher als normal. Je länger sie flogen, desto untypischer
verhielten sie sich. Sie kreisten nicht mehr über dem Haus, wie ich es
von ihnen gewohnt war, sie flogen einfach über das Haus, teils in großer
Höhe, sie kamen mir vor wie Brieftauben. Langsam zweifelte ich, ob das
überhaupt noch meine drei Tippler seien. Aber da es zwei Blaue und ein
Schimmel waren, waren es einwandfrei meine Tippler. Inzwischen war
es 20 Uhr geworden und die drei machten keine Anstalten über dem Haus
zu kreisen, wie das sonst für sie üblich war, wenn sie landen wollten. Ich
wusste: wenn die so weiter fliegen, bringe ich die drei nicht mehr runter.
Es war übrigens mein 55. Wettflug und bis jetzt hatte ich noch immer
alle herunter bekommen. Um 20,45 Uhr zogen sie wieder über das Haus
hinweg Richtung Norden und dort verschwanden sie. Nach ca. 15 Minuten
setzte heftiger Regen ein mit starken Windböen. So musste ich meinen Platz
auf dem Dach verlassen und vom Balkon aus hatte ich keine Übersicht mehr.
Regen und Wind hielten bis in die Morgenstunden an, und somit war dieser
Flug disqualifiziert.

Am anderen Morgen musste ich schon früh zur Arbeit. Zuvor ein kurzer Blick
aufs Dach und zum Himmel, aber von den Tipplern war nichts zu sehen. Nach
8 Uhr rief mich meine Frau an, um mich zu informieren, dass die drei Tippler
ihre Runden über dem Haus flogen. Jetzt auf einmal konnten sie wieder normal fliegen.

In den nachfolgenden Trainingsflügen verhielten sie sich wieder so wie immer.
Für mich stellte sich nun die Frage, was hat die Tippler veranlasst so unüblich zu
fliegen? Und wieso begannen sie mit dem unüblichen Flug erst nach vier Stunden?
Aber wahrscheinlich wissen das nur die Tauben selber. Meine Frau ist der festen
Überzeugung, dass die drei nach dem üppigen Konsum von Hanf "high" waren.
Vielleicht habe ich tatsächlich zu viel Hanf gefüttert, und es war des Guten zu viel.

Walter Stettler, CH Binningen , www.flugtippler.ch

 

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